Den Toten nochmals sehen

Den Toten nochmals sehen

Generell gilt: Vermeide Beschönigungen und blumige Formulierungen, welche die Kinder wörtlich verstehen könnten. Z. B. «Oma ist friedlich eingeschlafen. Sie ist von uns gegangen.» Stammen die Bilder vom Tod und Sterben aus der Alltagswelt der Kinder, kann dies Ängste auslösen.

Der Anblick eines Toten ist traurig und besonders, aber nicht gruselig. Das Bild reiht sich im Laufe der Zeit in die anderen Erinnerungen ein. Der Besuch bestätigt, dass die Person wirklich tot ist. Dies hilft, die Realität des Verlustes zu be-greifen. Wird das Kind von dieser bedeutsamen Lebenserfahrung ausgeschlossen, fehlt ein wichtiges Puzzleteil: Die lebendige Mama und jetzt die Urne – das passt so nicht zusammen!

Sollte sich ein Kind weigern, den Toten sehen zu wollen, stecken oft angstmachende Phantasien dahinter. So z. B. die Vorstellung, der Tote liege als Skelett im Bett. Deshalb ist es wichtig, nach den Gründen zu fragen. Können Kinder den Toten nicht mehr sehen, sind ihre Phantasien oft schlimmer als der reale Anblick des Verstorbenen. Suizid oder Unfall als Todesursache heisst häufig, dass es unversehrte Körperteile gibt. Ein guter Bestatter kaschiert oder deckt ab, was entstellt ist. So wird ein Abschiednehmen vom toten Körper möglich. «Das Wiedersehen funktioniert dann ähnlich wie der Text mit den halben Wörtern, bei dem das menschliche Gehirn sofort das ganze Wort erkennt: Ich sehe die Hand meines geliebten Menschen, erkenne sei wieder und erkenne ihn dadurch wieder» (Schroeter-Rupieper, S. 61). Bei einer völlig entstellten Leiche kann ein Besuch am geschlossenen Sarg hilfreich sein.

Zentral sind eine behutsame Vorbereitung und Begleitung während des Besuchs. Nachfolgend Anregungen, wie Kinder z. B. für die Begegnung mit der toten Oma vorbereitet und begleitet werden können:

«Oma sieht ganz anders aus, als bei ihrem letzten Besuch. Omas Körper ist tot. Ein toter Körper verändert sich, weil alle Zellen im Körper tot sind. Du wirst spüren und sehen, dass das Leben fehlt.

Die Oma liegt ruhig da und bewegt sich nicht mehr. Fast sieht es aus, als ob sie schläft. Sie ist aber tot. Sie schläft nicht. Die Oma ist ganz blass und fleckig. Fast so, als wäre sie aus Wachs.

Der Körper von der Oma ist ganz kalt. Die Oma spürt nichts mehr. Es tut ihr nichts mehr weh. Sie hat keinen Hunger und keinen Durst mehr. Sie friert nicht mehr.

Solange wir leben, atmen wir. Die Oma atmet nicht mehr. Sie braucht keine Luft mehr.

Solange wir leben, schlägt unser Herz Tag und Nacht und pumpt Blut durch den Körper. Das Herz von der Oma schlägt nicht mehr.

Im Raum, wo die Oma liegt, ist es ganz still. Du darfst erst mal an der Tür stehen bleiben und von dort zur Oma schauen. Du darfst den Raum betreten und auch wieder verlassen. Die Tür bleibt die ganze Zeit offen, wenn du wieder rausgehen willst, dann geht das. Ich bin die ganze Zeit bei dir. Wenn du willst, kannst du meine Hand halten.

Wenn du magst, dann darfst du die Oma anfassen und sie streicheln. Vielleicht willst du an die vielen schönen Erlebnisse denken, die du mit der Oma gehabt hast.

Du kannst der Oma etwas laut sagen oder ins Ohr flüstern. Du kannst auch etwas mitbringen, was dann in den Sarg gelegt werden soll. Etwas, woran die Oma Freude hatte.

Zum Schluss kannst du dir überlegen, wie du dich von der Oma verabschieden willst. Willst du ihr zuwinken oder einen Kuss auf die Wange geben?

Wir bleiben so lange, wie du bleiben willst. Wir können auch ein zweites Mal zur Oma gehen.

Hast du Fragen? Willst du noch etwas wissen?»


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